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Prävention statt Reaktion: Warum psychische Gesundheit mehr Aufmerksamkeit verdient

Aktualisiert: 18. Aug. 2025

Vielleicht hat der/die eine oder andere es schon mitbekommen: Die psychotherapeutische Versorgung in der Schweiz steckt in der Krise. Wartezeiten von mehreren Monaten, überlastete Fachkräfte, ein Gesundheitssystem, das an seinen Kapazitätsgrenzen arbeitet: Wer aktuell in der Schweiz psychologische Unterstützung braucht, trifft allzu oft auf verschlossene Türen. Besonders für Menschen in akuten Krisen kann das fatale Folgen haben.


Nicht nur Psychiater:innen, sondern auch Psychotherapeut:innen leisten unverzichtbare Arbeit – und doch müssen sie immer wieder für faire Rahmenbedingungen und gesellschaftliche Anerkennung kämpfen. Das allein sagt viel darüber aus, welchen Stellenwert psychische Gesundheit in unserem Land nach wie vor hat: einen niedrigen. Und es zeigt ebenso deutlich, dass das Gesundheitssystem seine Aufgabe, die Bevölkerung angemessen zu versorgen, nur teilweise erfüllt.


Mehr als nur Psychotherapie: ein verengter Blick

Doch dahinter steckt ein grundsätzliches Problem: Unser Gesundheitssystem ist stark reaktiv ausgerichtet. Es greift meist erst, wenn eine Diagnose gestellt ist und eine „Krankheit“ vorliegt – und diese dürfen tatsächlich nur Psychiater:innen oder Psychotherapeut:innen behandeln, was richtig ist. Aber warum beginnen wir erst dann, an Gesundheit zu denken? Frühzeitige Unterstützung durch Beratung, Coaching oder spezialisierte soziale Anlaufstellen bleibt oft unsichtbar, obwohl genau hier Probleme abgefangen werden könnten, bevor sie chronisch werden.


Ein persönlicher Blick

Als professionelle Beraterin erlebe ich täglich, wie wirkungsvoll niedrigschwellige Unterstützung sein kann, aber ich sehe in unserem Sytem genau hier eine grosse Lücke – aber auch eine ebenso grosse Chance. Beratungsgespräche sind häufig schneller verfügbar, niederschwelliger und können präventiv wirken. Menschen müssen nicht erst in eine akute Krise geraten, um Hilfe zu bekommen. Sie können schon vorher an ihren Themen arbeiten, Resilienz entwickeln und Klarheit gewinnen.


Das nimmt nicht nur Druck vom psychotherapeutischen System, sondern eröffnet auch neue Wege zu psychischer Gesundheit. Denn oft reicht es aus, einen sicheren, professionellen Raum zu haben, in dem Sorgen ausgesprochen, Muster erkannt und konkrete Handlungsschritte erarbeitet werden können.


Ein Gesundheitssystem, das noch nicht verstanden hat

Das Schweizer Gesundheitssystem hat diese Vielfalt bislang kaum anerkannt. Während Ärzt:innen und Psychotherapeut:innen (zurecht) im Fokus stehen, bleiben Berater:innen und andere Fachpersonen häufig unsichtbar – obwohl ihre Arbeit vielen Menschen überhaupt erst den Zugang zu Unterstützung ermöglicht. Ein modernes Verständnis von psychischer Gesundheit müsste genau hier ansetzen: bei der Anerkennung, dass es nicht nur einen einzigen „richtigen“ und starren Weg gibt.


Was müsste sich konkret ändern für eine bessere Versorgung der Psychischen Gesundheit in der Schweiz?


  • Faire Arbeitsbedingungen für Psychotherapeut:innen: Das Anordnungsmodell 2022 sollte den Zugang zur Psychotherapie über die Grundversicherung erleichtern. In der Praxis führen jedoch praxisferne Vorgaben, unklare Tarife und ein hoher administrativer Aufwand (76% der Therapeut:innen bewerten diesen als zu hoch) dazu, dass Behandlungen erschwert werden. Hier braucht es dringend klare Strukturen, weniger Bürokratie und faire Bedingungen, damit Therapeut:innen ihre Zeit in die Menschen investieren können – nicht in Papierkram.


Aber eben auch:


  • Gesellschaftliche Anerkennung: Die wertvolle Arbeit von Psychologischen und Psychoszialen Berater:innen gehört stärker in die öffentliche Wahrnehmung.


  • Bessere Vernetzung: Gesundheitssystem, Psychotherapie und Beratung sollten ineinandergreifen, anstatt isoliert nebeneinanderzustehen. Ein nahtloses Miteinander würde Patient:innen und Ratsuchenden den Weg erleichtern.


  • Prävention stärken: Frühzeitige Unterstützung durch Beratung kann verhindern, dass Belastungen sich zu Erkrankungen auswachsen. Statt erst im Krankheitsfall zu reagieren, braucht es ein System, das Gesundheit aktiv fördert.


Nein, psychische Gesundheit ist kein Luxus, sondern eine Grundvoraussetzung für ein stabiles, erfülltes Leben. Um sie flächendeckend zu sichern, müssen wir Prävention genauso ernst nehmen wie Behandlung. Psychische Gesundheit ist kein Nebenschauplatz, sondern ein gemeinsames gesellschaftliches Projekt. Wenn Therapeut:innen, Berater:innen und das System als Ganzes zusammenarbeiten, schaffen wir eine Umgebung, in der Menschen wachsen, Resilienz entwickeln und ihre mentale Stärke entfalten können – bevor Krisen entstehen.

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