Mentaler Wohlstand ist eine Praxis – kein Ziel
- Nicole Ardin
- vor 7 Tagen
- 4 Min. Lesezeit

Manchmal kann das Leben unglaublich hart sein – unfair, schmerzhaft, und für manche Menschen sehr viel mehr als für andere. Ist das gerecht? Nein. Und es ist auch etwas, worüber wir oft wenig bis gar keine Kontrolle haben.
Gleichzeitig kann das Leben aber auch atemberaubend schön sein. In dieser Hinsicht empfinde ich mich als glücklich, denn meine Neurodivergenz erlaubt es mir, Momente mit grosser Intensität zu erleben. Ja, das bedeutet, dass ich tief verletzt werden kann – aber es bedeutet eben auch, dass ich tief heilen und geniessen kann. Ich kann Situationen mit all meinen Sinnen erleben und echte Ehrfurcht für die Schönheit eines Momentes empfinden, die neben dem Schmerz co-existiert.
Trage ich immer noch Trauma mit mir durchs Leben? Natürlich. Manche Erfahrungen tauchen von Zeit zu Zeit wieder auf – leise Erinnerungen daran, dass sie nicht einfach verschwunden sind und vielleicht ein Leben lang Raum brauchen, um verarbeitet zu werden.Doch neben diesen Wunden liegt auch ein reicher innerer Schatz: Momente von Verbundenheit, Sicherheit, Freude und Sinn. Und auch wenn ich nicht wählen kann, was mir widerfahren ist, kann ich immer wieder entscheiden, worauf ich meine Aufmerksamkeit richte. Nicht perfekt. Nicht jeden Tag. Aber oft genug, um einen Unterschied zu spüren, um Licht in den Schatten zu lassen.
Genau hier beginnt Mentaler Wohlstand relevant zu werden.
Dein Gehirn ist auf Überleben programmiert – nicht auf Glück
Wenn du dich ein wenig mit Psychologie und Neurowissenschaften auskennst, weisst du, dass die wichtigste Aufgabe des menschlichen Gehirns nicht Glück, Erfüllung oder innerer Frieden ist. Seine zentrale Funktion ist es, uns in Sicherheit zu halten. Und aus evolutionärer Sicht ergibt das natürlich absolut Sinn.
Das bedeutet aber auch, dass unser Gehirn ständig nach potenziellen Gefahren sucht – selbst dann, wenn objektiv eigentlich alles in Ordnung ist. Ohne bewusstes Training kann eine einzige negative Erfahrung problemlos zehn positive überlagern. Dieses Phänomen nennt man den Negativity Bias.
Ein einfaches Beispiel: Stell dir vor, du sitzt in einem Raum mit zehn Welpen und einer Kobra.(Ja, es klingt wie der Anfang eines Witzes - ist aber tatsächlich ein passender Vergleich.) Also, selbst wenn die Welpen verspielt, harmlos und unglaublich süss sind, wird sich deine Aufmerksamkeit mit grosser Wahrscheinlichkeit auf die Kobra richten. Nicht weil du pessimistisch oder dramatisch bist, sondern weil dein Nervensystem Überleben priorisiert.
Dieser Mechanismus hat unseren Vorfahr:innen das Leben gerettet – er war überlebenswichtig. In unserem heutigen Alltag führt er jedoch oft dazu, dass kleine Rückschläge, kritische Kommentare oder Momente des Unbehagens viel länger nachhallen als Momente von Freude, Sicherheit oder Erfolg. Einfach deshalb, weil unser Gehirn so funktioniert.
Wichtig ist dabei eines: Du bist nicht kaputt, weil du das so erlebst. Du bist menschlich.
Warum „sei doch einfach positiv“ nicht funktioniert
Genau deshalb sind Ratschläge wie „Konzentrier dich einfach auf das Gute“, „Sei dankbar und mach weiter“, „Andere haben es schlimmer“ oder „Denk doch positiv“ nicht nur wenig hilfreich – sondern oft sogar kontraproduktiv.
Aus psychologischer Sicht lässt das Unterdrücken oder Umgehen schwieriger Gefühle diese nicht verschwinden. Es verschiebt sie lediglich aus dem bewussten Erleben – wo sie weiterhin im Hintergrund unsere Stresslevel, Reaktionen und unser Sicherheitsgefühl beeinflussen.
Deshalb sind Wissen und Werkzeuge rund um Achtsamkeit und emotionale Wahrnehmung so wichtig. Nicht, weil sie dauerhafte Ruhe oder Glück versprechen, sondern weil sie uns lehren, mit der Realität so präsent zu bleiben, wie sie ist – ohne zusätzliches Leid auf das aufzubauen, was ohnehin schon schmerzt. Achtsamkeit bedeutet nicht, Schmerz zu verleugnen. Sie bedeutet, Erfahrungen ehrlich und mit Mitgefühl zu begegnen.
Und: Schwierige Lebensumstände anzuerkennen, macht dich nicht pessimistisch. Schmerz zu vermeiden, macht dich nicht resilient.
Mentaler Wohlstand entsteht nicht durch Verdrängung. Es entsteht durch Bewusstheit.
Mentaler Wohlstand ist eine Praxis – kein Ziel
Hier bleiben viele von uns stecken. Wir behandeln Wohlbefinden oft so, als müssten wir es uns erst verdienen – nachdem wir alles verarbeitet, alles geheilt oder endlich eine stabile Lebensphase erreicht haben. Als wären Frieden, Freude oder Sinn Belohnungen am Ende von Leid. Manche glauben sogar, man habe es entweder von Geburt an oder eben nicht.
Doch die Psychologie erzählt eine andere Geschichte.
Mentaler Wohlstand ist nichts, womit man geboren wird, und auch kein Zustand, den man einmal erreicht und dann für immer behält. Es ist eine Praxis – geformt durch das, was wir immer wieder wahrnehmen, zulassen und beantworten.
Dank der Neuroplastizität wird unser Gehirn kontinuierlich durch Erfahrungen geprägt. Das ist wirklich eine gute Nachricht. Sie bedeutet, dass Veränderung in jedem Alter möglich ist – nicht durch Zwang, sondern durch Wiederholung. Gleichzeitig heisst das aber auch, dass mentale Gesundheit nichts Passives ist. Genau wie körperliche Gesundheit braucht sie Fürsorge, Übung und Beständigkeit. Was wir immer wieder praktizieren – bewusst oder unbewusst – wird gestärkt.
Aufmerksamkeit ist in diesem Zusammenhang nicht neutral. Sie ist eine begrenzte und kraftvolle Ressource. Wo wir sie immer wieder platzieren, formt still und leise den Geist, in dem wir leben. Das bedeutet nicht, dass wir uns einfach aus Trauma oder schwierigen Lebensumständen „herausdenken“ können. Wahlmöglichkeiten existieren immer innerhalb von Grenzen. Und ja, an manchen Tagen ist die einzige verfügbare Wahl eine sehr kleine. Doch auch kleine Momente zählen.
Einen kurzen Moment von Sicherheit im eigenen Körper wahrnehmen. Sich erlauben, etwas zu geniessen – ohne Schuldgefühl.Etwas Gutes gelten lassen, ohne es sofort kleinzureden. Mentaler Wohlstand wächst in diesen Mikro-Momenten – neben den schwierigen.
Mit Narben leben – und mit Reichtum
Mentaler Wohlstand bedeutet nicht, dass wir geheilt sind. Es bedeutet nicht, dass unsere Vergangenheit uns nicht mehr beeinflusst oder dass es keine schweren Tage mehr gibt. Es bedeutet, dass wir gelernt haben, mit dem zu leben, was uns geprägt hat – ohne dass es alles andere auslöscht.
Wir können Trauer und Dankbarkeit gleichzeitig halten. Wir können Schmerz anerkennen, ohne dass er unsere gesamte innere Landschaft definiert. Wir können Sinn aufbauen, auch wenn Teile unserer Geschichte noch unfertig sind.
Nein, Mentaler Wohlstand hat nichts mit erzwungenem Optimismus zu tun. Es geht darum, Komplexität zuzulassen.
Du musst nicht warten, bis das Leben leichter wird
Wenn es eine Sache gibt, die ich dir mitgeben möchte, dann diese: Du musst nicht warten, bis das Leben ruhig, geheilt oder geklärt ist, um Mentaen Wohlstand aufzubauen. Du darfst jetzt schon Momente von Schönheit sammeln. Du darfst Freude empfinden, ohne deinen Schmerz zu verraten. Du darfst Präsenz üben – auch unter unperfekten Bedingungen.
Mentaler Wohlstand beginnt nicht nach der Härte des Lebens. Es beginn mitten in ihr.
Und manchmal ist genau das der radikalste Akt von Selbstfürsorge, den es gibt.




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