Warum dein Nervensystem den Jahreszeiten folgt
- Nicole Ardin
- vor 2 Tagen
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Wie Licht, circadiane Rhythmen und Körperprozesse uns durch den Jahreszyklus tragen – und was das für dein Wohlbefinden bedeutet

In unserer kulturprägenden Erzählung beginnt das Jahr mit dem 1. Januar. Doch für unser Nervensystem hat der Jahreskreis allerdings längst begonnen, bevor wir den ersten Vorsatz niederschreiben – und er endet nicht mit dem ersten Vogelgezwitscher im Frühling. Die Tatsache ist: unser Nervensystem ist saisonal getaktet. Es reagiert auf Licht, Temperatur und Umwelt-Zyklen, lange bevor wir bewusst wahrnehmen, dass „etwas anders“ ist.
Warum Licht so zentral ist
Das zentrale Steuerzentrum unserer biologischen Uhr liegt im Gehirn. Ein winziger Bereich – der sogenannte Nucleus suprachiasmaticus – wirkt dabei wie ein innerer Dirigent. Er empfängt Lichtsignale über die Augen und nutzt sie, um Schlaf, Wachheit und die Ausschüttung bestimmter Hormone aufeinander abzustimmen.
Über diesen Mechanismus entstehen unsere circadianen Rhythmen: innere Zeitabläufe, die sich ungefähr über 24 Stunden erstrecken und dem Körper signalisieren, wann es Zeit ist für Aktivität, Erholung oder Schlaf. Vereinfacht gesagt sind circadiane Rhythmen die inneren „Zeitpläne“, nach denen unser Nervensystem arbeitet.
Verändern sich die Lichtverhältnisse im Laufe des Jahres, passen sich auch diese Zeitpläne an. Wenn die Tage länger werden, sinkt der nächtliche Melatonin-Spiegel (Melatonin wird oft als „Schlafhormon“ bezeichnet), während gleichzeitig der Serotoninspiegel ansteigt. Serotonin unterstützt unter anderem Stimmung, Antrieb und emotionale Ausgeglichenheit. Diese hormonellen Veränderungen haben unmittelbare Effekte auf Energie, Wachheit und Wohlbefinden.
Im Winter hingegen hemmt fehlendes Tageslicht genau diese Prozesse. Das Nervensystem bleibt länger im Energiesparmodus. Das erklärt, warum viele Menschen in den dunklen Monaten mehr Müdigkeit, einen gesteigerten Schlafbedarf oder einen sogenannten „Winter-Blues“ erleben – auch dann, wenn kein klinischer Zustand wie eine Seasonal Affective Disorder (SAD) vorliegt.
Unser Nervensystem kennt Jahreszeiten, nicht nur Tage
Studien zeigen ausserdem, dass Gehirnfunktionen nicht nur täglich, sondern auch jährlich variieren. Je nach Saison schwanken Aufmerksamkeits- und Gedächtnisprozesse, und selbst die funktionelle Vernetzung verschiedener Hirnnetzwerke verändert sich im Jahresverlauf.
Das bedeutet: Unser Nervensystem reagiert nicht nur auf den Sonnenauf- und untergang – es passt sich auch über Wochen und Monate hinweg an saisonale Licht- und Umweltbedingungen an.
Das ist kein „Zufall“ unserer Biologie. Es ist ein evolutionäres Erbe. In der Natur bedeutet Dauerlicht im Sommer, dass Nahrung, Wärme und soziale Interaktion verfügbar sind – in der Kälte und Dunkelheit des Winters hingegen wird Energiesparen prioritär. Obwohl wir heute Heizungen und Helligkeit haben, bleibt unser innerer Taktgeber diesem Rhythmus verbunden.
Hormone als saisonale Botenstoffe
Hormonelle Anpassungen sind ein weiterer Mechanismus, über den unser Nervensystem den Jahreszeiten folgt:
Melatonin wird in länger werdender Dunkelheit vermehrt produziert und signalisiert dem Körper: "Es ist Nacht".
Cortisol, ein wichtiges Stress- und Energiehormon, zeigt saisonale Muster in seiner Ausschüttung – höher im Winter, niedriger im Sommer – was mit Aktivität und Wachheit korrespondiert.
Diese saisonalen Unterschiede beeinflussen nicht nur Schlaf- und Wachzyklen, sondern auch Stoffwechsel, Immunsystem und Stimmung.
Warum wir im Frühling anders fühlen als im Januar
Viele Menschen erleben im Frühling einen Anstieg von Energie, positiver Stimmung und Motivation – und das hat einen klaren biologischen Gegenwert:
Die Tageslängen wachsen wieder, was zu einem natürlichen Aufschwung unserer circadianen Rhythmen führt.
Licht wirkt direkt auf neurochemische Systeme ein, die Serotonin- und Dopamin-Reaktionen beeinflussen.
Das Nervensystem trifft eine Reihe von Anpassungen, die uns zu aktivem Verhalten und sozialer Interaktion „freigeben“.
Du erinnerst dich vielleicht daran, wie sich deine innere Uhr verändert, wenn die Sonne früher aufgeht und später untergeht. Das ist kein Gefühl, das uns „im Kalender fehlt“ – es ist ein körperlicher Rhythmus, der sich am Licht orientiert.
Was das für dein Wohlbefinden bedeutet
Wenn du versuchst, im Januar „voll durchzustarten“, ist das nicht immer ein Zeichen von Schwäche – sondern oft ein Zeichen dafür, dass du gegen deine eigene Biologie arbeiten willst. Dein Körper fragt:
„Bist du synchron mit dieser Zeit des Jahres – oder eilst du vor?“
Ein winterliches Nervensystem ist biologisch darauf programmiert, Energie zu konservieren und auf Licht zu reagieren. Erwartungen, die andere Monate oder Jahreszeiten widerspiegeln, können zu Frustration und Stress führen.
3 praktische Wege, wie du deinen saisonalen Rhythmus unterstützen kannst
🟡 Nutze Licht bewusst
Schon 20–30 Minuten natürliches Morgenlicht helfen deiner inneren Uhr, sich neu zu synchronisieren.💡 In den dunklen Monaten kann eine Tageslicht-Lampe gezielt Licht als Zeitgeber simulieren.
🧠 Respektiere deinen Rhythmus
Wenn dein Körper dich im Winter nach mehr Schlaf fragt, ist das kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Hinweis auf saison-biologische Bedürfnisse.
🌿 Passe dein Wohlbefinden saisonal an
Bewegung, soziale Interaktion, Ernährung und Schlafrhythmen können saisonal angepasst dir helfen, deinen Nervensystem-Rhythmus zu unterstützen.
Zum Schluss: Der Nervensinn im Jahreskreis
Unser Nervensystem ist kein isolierter Taktgeber, der nur auf den 24-Stunden-Tag reagiert. Es ist ein jahreszeitlich fein abgestimmter, biologischer Rhythmus, der durch Licht, Hormone und evolutionäre Prägungen gesteuert wird.
Wir sind keine Uhrwerke, die unabhängig von der Natur funktionieren.Wir sind Wesen mit biologischen Rhythmen – in uns tobt ein Jahreskreis, noch lange bevor wir einen Kalender aufschlagen.
Und je mehr wir lernen, diesen Rhythmus zu respektieren statt zu übergehen, desto mehr fühlen wir uns in uns selbst zuhause – in jedem Monat, in jeder Jahreszeit.
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Quellen & weiterführende Literatur
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Hinweis: Die genannten Studien zeigen Durchschnittswerte und biologische Tendenzen. Individuelle Erfahrungen können – je nach Lebensstil, Neurodivergenz, Gesundheit und Umweltfaktoren – variieren.




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